Supermarché
Ich gehe kurz im Supermarkt vorbei. Eigentlich fehlen mir nur Q-Tipps, die kurzen Stäbchen mit Wattebäuschen an jedem Ende, die Dinger, mit denen man sich die Ohren sauber macht.
Cash Ivoire, könnte bei uns soviel wie „Deutschland billig“ heißen, ziemlich frei übersetzt. Kleine Supermärkte in den Quartiers populaires, in den bevölkerungsreichen, aber zumeist armen Stadtteilen, oft gelegen an den gewachsenen Marktplätzen, an den Knotenpunkten quartierbezogener Aktivität in der Millionenstadt Abidjan. Kommuniziert als günstige Alternative zu den drei großen Einkaufszentren, die es hier gibt. Als kommunale Hilfe und Erleichterung für die Menschen gedacht. Teilhaben an den Segnungen der Konsum-gesellschaft.
Q-Tipps also im Cash Ivoire. Ich nehme eine Dose Cola und eine Dose Sprite aus dem Kühlschrank mit der Glastür (ja, es gibt hier Dosen, ohne Pfand), zwei kleine Dosen Kondensmilch und ein Glas Nutella. Und Q-Tipps. Ich bin die Preise gewöhnt, aber es ist trotzdem erwähnenswert. Am Ende bezahle ich umgerechnet knapp 7 Euro, 6.89 Euro, um genau zu sein.
Mir fällt wieder ein, dass ich vor einem Jahr irgendwo gelesen habe, das Abidjan an 27ster Stelle steht – der teuersten Städte der Welt. Weit vor München zum Beispiel. Selbst mir, der ich seit über einem Jahr hier lebe und seit vier Jahren das Land bereise, drängt sich immer noch die krasse Diskrepanz zwischen meinem, also dem deutsch-europäischen Afrikabild und der afrikanischen, in diesem Falle, ivorieschen Wirklichkeit auf.
Sicher kann man hier günstig, ja billig leben. Neben dem erwähnten Supermarkt kann man an einer wellblechüberdachten Garküche Garba kaufen, eines der Hauptnahrungsmittel des größten Teiles der Bevölkerung. Ein Holzteller mit Maniok mit einem bis zur Unkenntlichkeit und Geschmacksneutralität frittiertem Stück Fisch. Scharf gewürzt, frei von jedem Vitamin, wird Garba schon morgens um 7.00 h zum Frühstück verzehrt. 200 fCFA, 30 Eurocent.
Ich bin privilegiert. Ich kaufe Coca Cola. Wasser wäre angemessen (es hat zwei Jahre gedauert, bis ich hier ohne Probleme das Wasser aus der Leitung trinken konnte. Bei einem ungeübten Europäer hat es sofortigen Durchfall zur Folge). Nutella. Nutellagläser erliegen einem natürlichen Schwund, ich muss aufpassen, dass meine Mädels oder mein Redakteur das Glas nicht sehen – als ein Zeichen von Luxus ist es unentwegt Begehrlichkeiten ausgesetzt. Weniger, um es selbst zu verzehren, als es vielmehr als Ganzes mitzunehmen. Ein Glas Nutella kann hier – im Kreise der Familie – durchaus als Zeichen von Ehrerbietung und Gunst (des Weißen an eben den Beschenkten) kommuniziert werden. Das Bestreben liegt also immer darin, das Glas selbst zu erhalten, um vor der Familie „Malin“ zu machen, was so viel bedeutet, wie sich hervortun, sich herausheben, sich wichtig machen. Ich kann aber sicher sein, dass selbst das Erlebnis, bei mir im Haus Nutella gegessen zu haben, bildreich im Kreise der Familie erzählt wird. Status.
Ich will nicht ungerecht sein, nicht alle sind arm und viele meiner einheimischen Freunde und Bekannten entstammen besten Familien, haben teilweise im Ausland studiert und für sie ist ein Nutellaglas ein Nutellaglas. Für sie sind auch die Preise normal, Abidjan ist teuer, na und? Einfuhrsteuer, Zoll, Kühlung – all das verdoppelt hier den Preis im Verhältnis zu Europa. Die Gesetze der Marktwirtschaft wie wir sie kennen, gelten hier nicht für Import- oder Markenprodukte. Aber das ist ein anderes Thema.
Heute habe ich für ein bisschen Zeug, dass in meiner Plastiktüte gar nicht ins Gewicht fällt, mal eben 7 Euro bezahlt, in Deutschland hätte das alles vielleicht die Hälfte gekostet. Vielleicht auch weniger. Der Unterschied besteht darin, dass ein Mensch hier – ordentlich arbeitend – 120 bis 300 Euro im Monat verdient. 7 Euro davon sind eine andere Dimension.
3.07.2008, Abidjan.
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- Published:
- 4 Juli, 2008 / 11:26
- Category:
- daily life


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